31 Dezember 2015

Fundstücke (210)


Diesen Silvester möchte ich wegen des bestürzenden Misserfolgs in den Vorjahren auf meinen traditionellen Appell, sich heute Nacht ausnahmsweise mal nicht nützliche Körperteile wegzusprengen, verzichten.

Stattdessen verweise ich hiermit einfach auf die entsprechenden Archiveinträge. Sie finden Sie gesammelt hier.

Kurz vor Jahrestoresschluss hat sich heute noch jemand vorm Nachbarhaus einiger überflüssiger Utensilien entledigt. Neben einem Stapel billiger Taschenbücher gehörten dazu auch eine Säuglingstragetasche sowie ein Kinderwagen, alles allem Anschein nach funktionsfähig.

Ein Baby oder etwas Ähnliches befand sich indes nicht unter den entsorgten Materialien, soweit ich das nach einem oberflächlichen Check beurteilen kann.

Und mit einer besseren Nachricht vermag ich Sie leider nicht aus diesem Jahr zu entlassen.

24 Dezember 2015

Nur die Harten kommen in den Garten (Eden)


Vormittags waren wir frohgemut aufgebrochen zum Ostereiersuchen, blieben aber seltsam erfolglos.

Stattdessen entdeckten wir in der Innenstadt, die wider Erwarten kaum von hochnervösen Last-Minute-Panikern bevölkert war, allerhand Christen diverser Couleur mit Ermahnungen auf selbstgebastelten Schildern.

Der Mann rechts im Bild etwa hatte in der Bibel einen Korintherspruch entdeckt, in dem diverse Zielgruppen aufgezählt werden, die nach Gottes Gusto dermaleinst ewige Verdammnis zu gewärtigen haben.

Neben den üblichen Verdächtigen – Diebe, Schwule etc. – drohte er auch „Weichlingen“ mit finalen Konsequenzen. 

Gerade von Letzterem fühlte ich mich ein wenig verletzt, denn als Kriegsdienstverweigerer* gehöre ich nicht gerade zur Hardboiledfraktion, die Gott anscheinend präferiert.

Ob Leute, die Seine Sprüche auf Schilder pinnen, auch kommasicher sind, scheint Ihm hingegen ziemlich pimpe zu sein.

Und damit wünsche ich Ihnen allen frohe Ostern.


*Ja, liebe Jugend, so was gab es mal in der BRD. Einfach mal googeln.

16 Dezember 2015

Die gemütlichsten Ecken von St. Pauli (100): Rückseite der Reeperbahn



Es ist ja nicht so, dass wir auf St. Pauli nur sonisch belästigt würden. 
Nein: Gegenüber hält ein Bewohner der Reeperbahn es für höchst kommod, seine Wohnung vermeintlich adventlich zur kunterbunten Lichtorgel fehlzuilluminieren.
 
Andere Frage: Wie ist eigentlich die Reichweite eines Luftgewehrs?*

*Nicht, dass ich so etwas besäße.


28 November 2015

Fundstücke (209)


Gut, er hatte zwar dummerweise den Bolzenschneider vergessen, als er morgens loszog. 

Doch dann kam ihm eine pfiffige Idee, die doch noch den Tag rettete.

Entdeckt in der Seilerstraße.


24 November 2015

Die gemütlichsten Ecken von St. Pauli (99)



Aufgenommen in der Großen Freiheit im Eingang von Gretel & Alfons, wo ich Zuflucht gesucht hatte vorm Regen.

Reingehen war ausgeschlossen, denn da drin RAUCHTEN Leute!

17 November 2015

Die gelähmte Kuh



Fleischlastigkeit ist seit jeher ein typisches Feature meines hessischen Heimatdorfes. Daran wurde ich bei einem Besuch jetzt mal wieder in aller Deutlichkeit erinnert.

Gleich am ersten Abend nämlich verschleppte man mich ins Dorfgemeinschaftshaus zum einmal jährlich stattfindenden sog. „Schlachtfest“. Ausgetragen wird es traditionsgemäß vom – Achtung! – Vogelschutzverein.

Und in der Tat war auch keinerlei Federvieh Bestandteil der als einziges Gericht angebotenen Schlachtplatte. Stattdessen war sie komponiert aus – neben den zwar inhaltlich, aber keineswegs quantitativ vernachlässigbaren Beilagen Kartoffeln, Kraut und Graubrot – zwei verschiedenen Würsten,  einem Rippchen und einer ordentlichen Scheibe „Presskobb“ (phonetische Schreibweise).

Beim ehrfürchtigen Betrachten des zupackend geschichteten Riesenhaufens von geschätzten 5000 Kalorien Totgewicht kam ich nicht umhin zu konstatieren, dass der Vogelschutzverein sich ja auch satzungsgemäß keineswegs dem Wohlergehen des Mastschweins verpflichtet hat. Ereignisimmanent betrachtet war das also schon in Ordnung so.

Als wir am nächsten Tag durch die Gemarkung fuhren, wurde ich auf eine Kuh hingewiesen, die unbeweglich auf einer Weide ruhte, und zwar in einem Haufen Heu, den sie behaglich dezimierte. Die Kuh wirkte wie eine bovine Couchpotato, hatte aber ein schweres Schicksal zu tragen.

Vor einigen Tagen nämlich, so erfuhr ich, war die Hochschwangere einen Abhang hinabgestürzt und hatte sich das Rückgrat gebrochen. Nun herrschte Uneinigkeit unter den Farmersleuten, ob man das gelähmte Nutzvieh sofort zum Schlachter schaffen (-> der Mann) oder doch erst noch die Geburt des Kälbchens abwarten solle (-> seine Frau).

Ich schwankte zwischen Mitleid mit dem armen Tier, dessen Schicksal unabhängig vom Ausgang der Diskussion besiegelt war, und Neid auf seine Unwissenheit. Bis zum letzten Tag würde die anscheinend wenigstens von Schmerzen ungeplagte Kuh weiter zufrieden an dem stets auf wundersame Weise neu in Maulweite aufgeschichteten Haufen Heu herummöfeln, ohne auch nur eine Vorstellung von Zukunft zu haben.

Vom Vogelschutzverein veranstaltete Schlachtfeste kamen in ihrer paradiesisch schlichten Vorstellungswelt nicht vor, und selbst wenn, dann fände sie es wahrscheinlich höchst beruhigend, dass nur so was wie Presskobb auf die Teller geklatscht würde, aber nichts, das einstmals Körperbestandteil von Artgenossen gewesen war. 

Als wir am nächsten Tag wieder an der Weide vorbeikamen, war der Platz, wo die Kuh gelegen hatte, leer. Doch sie hatte fast das ganze Heu geschafft.





25 Oktober 2015

Fundstücke (208)



Überraschenderweise hat es der Kosename für St. Pauli in die neuste Ausgabe der Apple-App „Karten“ geschafft.

Bei einer bestimmten Größeneinstellung heißt unser Stadtteil dort nämlich ganz lapidar „Kiez“. Dabei ist diese Bezeichnung keineswegs offiziell, sondern lokaler Jargon. Ein – sagen wir – Hintertupfinger Apple-User, der sich mithilfe der Karten-App nach St. Pauli navigieren lassen möchte und diesen Stadtteil nicht namentlich vorfindet, könnte begriffstutzig die Stirn runzeln.

Sollte er zuvor in Berlin gewesen sein, wird ihm die Sache erst recht nicht klarer. Dort gilt der Begriff ganz allgemein als Synonym für Stadtviertel. Die Hauptstadt hat also – im Gegensatz zu Hamburg – viele Kieze.

Der Verdacht liegt nahe, hier könnte sich ein kiezianischer Undercoveragent ins Übersetzerteam der Karten-App eingeschlichen und den Leuten aus Cupertino ein kleines Ei ins Nest gelegt haben. 

Mal schauen, wie viele Programmupdates das Wörtchen Kiez übersteht.
Ich hoffe natürlich, viele.

23 Oktober 2015

Fundstücke (207)


Bedauerlicherweise sehen wir hier den typischen Verlauf eines Hamburger Fahrradwegs. Das Beweisfoto entstand heute Nachmittag am Neuen Kamp in St. Pauli.

Beim sinnierenden Betrachten wird unmittelbar evident, warum auch ohne allgemeine Helmpflicht ein Kopfschutz dringend angeraten ist. 

17 Oktober 2015

Bedingungslos lydonsfähig



Gestern Abend traf ich erstmals den Mann, der mir mit 17 das Leben gerettet hat. Na gut, er hat es mir damals zumindest enorm erleichtert. Und ich traf ihn auch nicht persönlich, sondern befand mich nur mit ihm in einem Raum, gemeinsam mit ein paar hundert anderen. Aber immerhin.

Verdammt, ich war am selben Ort auf diesem Planeten mit JOHNNY ROTTEN!

Seit dem Ende der Sex Pistols heißt er wieder bürgerlich John Lydon, aber was macht das schon? Für mich wird Johnny immer Rotten bleiben – also der Mann, der mir einst das Leben rettete. Na gut, fast.

Damals war ich ein Teenager vom Dorf, der nach der Mittleren Reife unter Fremdeinfluss (Eltern!) den Fehler seines Lebens begangen und eine Lehre bei der Sparkasse angefangen hatte. Morgens um 8 musste ich antanzen, in Anzug und Krawatte, das war schon schlimm genug für einen 17-Jährigen, dessen Freunde sich gerade die Haare wachsen ließen. Und dann noch die Verarsche durch ein sadistisches Kollegenensemble – wie man’s halt so macht mit Azubis vom Dorf.

Nachmittags kam ich fertig nach Hause und schob den Rest des Abends Horror vorm nächsten Tag. Bis diese Platte erschien: „Never mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols“. Ich hatte in der damals coolsten Musikpostille Sounds die Kritik gelesen und rannte bei nächster Gelegenheit in den Plattenladen. Shit, sie war jeden Pfennig des Azubigehaltes wert.

Der Sänger, ein (wie ich aus der Sounds wusste) dürrer Typ mit irre aufgerissenen Augen und einem Grinsen von triefender Verachtung, kreischte hysterisch, dazu verprügelte irgendjemand Saiteninstrumente und Drums, alles explodierte …

Diese hyperventilierenden Schreihälse aus England taten also genau das Gegenteil von dem, was ich tagtäglich tat. Was ich tagtäglich tun musste. Ihre Hemmungslosigkeit lag exakt am unerreichbaren anderen Ende der Skala meiner sparkassenbedingt immens eingeschränkten Handlungsoptionen. „Never mind the Bollocks“ war eine radikale Utopie. Aber eine greifbare: Sie kreiste mit 33,33 Umdrehungen auf dem Plattenteller und veränderte die Welt.

Ich liebte diese Platte. Abends hieß es: Schlips in die Ecke und „Holidays in the Sun“ auf Lautstärkelevel 10. „No feelings“ bis zum Kollaps. Stress relief vom Allerlautesten. Die Wände meines Jungszimmers wackelten unter der Urgewalt der Sex Pistols, das ganze Haus vibrierte.

„God save the Queen“, geiferte Johnny höhnisch, „she ain’t no human being“, und diese Einschätzung schien mir auch eine außergewöhnlich treffsichere Beschreibung meines Filialleiters zu sein.

Bis plötzlich alles erstarb.
Meine Mutter hatte oben die Sicherung rausgedreht.
Fuck!

Später halfen mir auch Nick Drake und Joy Division durch die alles überwölbende Tristesse der Sparkassenjahre, doch die kathartische Kraft von „Never mind the Bollocks“ blieb unerreicht. Johnny Rotten, diese an beiden Enden brennende menschliche Fackel der entfesselten Aggression, war die monumentgewordene Antithese. Das habe ich ihm nie vergessen. 

Und gestern, Jahrzehnte später, war ich erstmals in meinem Leben mit ihm in einem Raum. Er spielte mit seiner Band PiL im Berliner Columbia Theater. John Lydon trug ein schwarzes Kurzarmhemd und wirkte darin ziemlich stämmig. Statt hysterisch zu kreischen, verfeinert er inzwischen eine selbstentwickelte Technik des Jaulens und Heulens.

Manchmal hob John wie segnend die Arme (die Karikatur eines Papstes des Punk!), und manchmal musste er die Brille abnehmen, um die auf einem Stehpult parat liegenden Songtexte lesen zu können. Auch an ihm, dem Helden meines Jungszimmers, sind die Jahre eben nicht spurlos vorübergegangen. Noch etwas, das uns beide verbindet – und was mich, wenn Sie mir diesen Kalauer verzeihen, weiterhin bedingungslos lydonsfähig macht.

Neben mir stand eine junge Asiatin mit streichholzdünnen Beinen, vielleicht 18 oder 19, und als John „This is not a love song“ jaulte und heulte, sang sie jede Silbe mit. Das trieb mir endgültig die Tränen in die Augen. Na ja, fast.

Wenn Sie das lesen und gerade die Mittlere Reife in der Tasche haben: Bitte hängen Sie das Abi hinten dran. Studieren Sie. Aber machen Sie unter keinen Umständen eine Sparkassenlehre! 

Denn keiner kann Ihnen garantieren, dass wieder zufällig ein Johnny Rotten zur Hand ist, um Sie mit einer einzigen Platte aus den Händen jener zu befreien, die keine menschlichen Wesen sind.




26 September 2015

Fundstücke (206)


„Sonst“, bemerkt Ms. Columbo ganz richtig, „sieht man so etwas nur in Mafiafilmen. Dann liegt das Gesicht allerdings in einem Teller Spaghetti.“

Das war hier allerdings nicht ganz der Fall. Woher sollte im ICE zwischen Hamburg und Koblenz auch ein Teller Spaghetti kommen?

Die Dame wachte übrigens trotz bedrohlich eingeschränkter Frischluftzufuhr irgendwann wieder auf.

Aber da hatte ich mein klammheimliches Bild schon im Kasten.

24 September 2015

Die gemütlichsten Ecken von St. Pauli (98): Messehalle B7


Zwar strahlt die Messehalle B7 in ihrer schieren Größe und Höhe grundsätzlich eine typisch messehallenmäßige Kühle und Unbehaustheit aus, doch das gerade dort stattfindende selbstorganisierte Gewusel macht sie zur momentan gemütlichsten Ecke des Viertels.

Vor B7 landen Unmengen von Spenden für die Flüchtlinge an (sogar Betten???), drinnen werden sie sortiert, verteilt und schließlich ausgegeben. 
Helfende Hände sind stets willkommen, auch stundenweise, man kommt und geht völlig unbürokratisch, aber auf eigenes Risiko – das ist ja kein echter Arbeitsplatz, sondern nur ein freiwilliger.

Ich will nicht behaupten, dass diese Sachgebiete für alle Zeiten zu meinen Fachgebieten gehören werden, doch ich weiß inzwischen ziemlich viel über Damenjacken und Kinderschuhgrößen. 

Schauen Sie doch auch mal vorbei. Sie werden nirgends nettere Menschen treffen.



20 September 2015

Abgespritzt und abgehauen

Selbstverständlich hat jeder Mensch ein Recht auf Rausch. Körperchemie ist ohne jede Frage Privatsache. 

Und das gilt auch für den Junkie, der sich vergangene Nacht in unserem Hauseingang einen Schuss setzte.

Wofür mir allerdings weitgehend das Verständnis fehlt, ist das anscheinend schlagartig nach dem Abdrücken einsetzende Desinteresse des Protagonisten für seine Utensilien.

Warum lässt man eine blutige Spritze in einem fremden Hauseingang liegen? Zehn Meter weiter ist ein Mülleimer. Für diesen kurzen Gang hätte das Verantwortungsbewusstsein selbst eines halbwegs zivilisierten Junkies des 21. Jahrhunderts eigentlich ausreichen müssen.

Stattdessen ging er (Verzeihung, wenn ich die weibliche Hälfte der Bevölkerung hier sprachlich diskriminiere) das Risiko ein, dass jemand hineintritt, ein Hund sich dran die Schnauze piekst oder ein Kind damit herumspielt.

Liebe Hamburger Entsorgungsbetriebe: Im oben erwähnten Mülleimer liegt jetzt eine benutzte Spritze unbekannter mikrobiologischer Provenienz, und ich bin dafür verantwortlich.

Bitte seien Sie vorsichtig.



16 September 2015

Zehnjähriges, hey!


Als ich heute Abend vom Sport kommend an Planten un Blomen vorbeiradelte, wo ich neulich das abgebildete Prachtexemplar einer (allerdings verschiedenen) Kiezratte umfahren musste, und kurz darauf an der Millerntorkreuzung die Straße überquerte, sah ich an der Rückseite der U-Bahnstation St. Pauli einen Mann mit Kapuzenfleecejacke.

Er stieg behende (!) aus seinem Rollstuhl (!!), entpackte sein primäres Geschlechtsteil und setzte einen beeindruckend strammen Strahl in die geplagte Botanik.

Tote Ratten, Bettelbetrüger, Eckenpinkler etc.: Ich weiß schon, warum mir in den vergangenen zehn Jahren der Stoff eigentlich nicht ausgegangen wäre, doch es hat mich schon ein bisschen ermüdet, solche Sachen nicht nur immer wieder zu erleben, sondern hier auch niederzuschreiben.

Gleichwohl und nichtsdestotrotz feiert dieses Blog heute seinen zehnten Geburtstag. Hey!

Das ist ganz schön alt für so was wie ein Blog, denn wie wir digital natives nur zu gut wissen, zählt ein Internetjahr ja circa zehnfach. Und obwohl die Frequenz der Einträge auf der Rückseite der Reeperbahn in den vergangenen Jahren erneut derart dramatisch einbrach, dass ich mehrfach sogar besorgte Nachfrager beschwichtigen musste, so bleibt doch festzuhalten:

Etwas hat überlebt.

Vielen Dank dafür an Sie, meine bislang zweimillionenvierhundertachttausendsiebenhunderteinfünfzig Besucher. Es war und bleibt (hoffentlich) schön mit Ihnen.





13 September 2015

Doch nur 3:2!



Schwerin, Eiscafé Valentino, heute Nachmittag. Ich bestelle den abgebildeten Rocherbecher, und wenn Sie jetzt denken, ich zöge hier jetzt über die gleich drei(!) blamablen Deppenleerzeichen in der Beschreibung her, dann liegen Sie nur ganz am Rande richtig.

Nein, mir geht es um die abgebildeten fünf Rocherpralinen. Denn ihre Anzahl beeinflusst meine Bestellentscheidung absolut essenziell. 
Nach wenigen Minuten wird das Eis geliefert, und was muss ich sehen? 
Nicht fünf Rocherpralinen. Sondern nur zwei.

Die Gesamtkomposition ist gleichwohl von köstlicher Provenienz, keine Frage, und ich möchte hier die Welt ausdrücklich ermuntern, dem Eiscafé Valentino in Schwerin einen Besuch abzustatten. Und doch keimt in mir beim Verzehr des Rocherbechers eine gewisse Produktenttäuschung, die sich beim Bezahlen zwangsläufig ihren Weg bahnen muss; so bin ich halt gestrickt.

Den original italienischen Ober mache ich also auf die Diskrepanz zwischen visueller Verlockung und servierter Realität aufmerksam. Die Reaktion ist überraschend: Das ficht ihn nämlich nicht die Bohne an. Es stünde im Kleingedruckten, dass die Fotos gleichsam nur vage Produktbeispiele seien, äußert er sich sinngemäß. Außerdem sei das „heutzutage so“ und er außerdem „nur Angestellter“.

Meinem Vorschlag, er möge doch dem Boss – wahrscheinlich einem Signore Valentino – von meiner Enttäuschung berichten, gab er sofort statt, äußerte aber Zweifel daran, ob Cheffe „für 3000 Euro neue Eiskarten drucken lassen“ würde, nur damit eine vernachlässigenswerte Kleinigkeit wie die Zahl der gelieferten Rocherpralinen mit jener auf der Abbildung übereinstimme. 

Natürlich gäbe es auch die Variante, künftig einfach fünf statt zwei Pralinen auf dem Eis zu drapieren, was auf Jahre hinaus günstiger käme als der Druck einer neuen Eiskarte, aber sei’s drum: Anscheinend ist hier, im Eiscafé Valentino, auf solcherart Einsicht nicht zu hoffen. 

Nach 40 Cent Trinkgeld gehen wir und monieren draußen unisono des Obers Taktik, mit gebremster Patzigkeit auf meine Kritik zu reagieren statt mit ein bis zwei spendierten Mea-culpa-Espressi.

Doch der Nachklapp kommt noch. Als ich mir eben zu Hause das Foto des Rocherbechers noch einmal etwas genauer anschaute, stellte ich etwas fest, was vor Ort nicht nur mir, sondern auch dem Ober entgangen war, Ihnen aber natürlich längst aufgefallen ist:

Das Bild zeigt gar nicht fünf Rocherpralinen, wie ich die ganze Zeit dachte. 
Es zeigt vier halbe sowie oben auf der Sahnehaube (vermutlich) eine ganze. 

Somit lautet das Ergebnis beim Duell Euphemismus gegen Wirklichkeit also nicht etwa 5:2, sondern nur noch 3:2. Das wiederum ist derart knapp, dass ich hiermit lauthals ausrufe gen Schwerin:  

Gehen Sie nicht zum Rapport zu Valentino, Ober! Und beim nächsten Mal, das garantiert in Bälde folgen wird, gibt’s wieder ordentlich Trinkgeld, versprochen!

(Reicht das für die Absolution?)




06 August 2015

Dunkelgrün ist die Hoffnung



Dieses Schaubild stammt von der Generali-Versicherung. Es zeigt die Verteilung von Fahrraddiebstählen in Hamburg. Je dunkelgrüner, desto mehr. St. Pauli ist ausgesprochen dunkelgrün.

Hier auf dem Kiez wird laut Generali im Lauf von zehn Jahren jedes zehnte Rad geklaut. Darüber kann ich natürlich nur lachen. In zehn Jahren gehe ich im Schnitt dreier Räder verlustig; das sind alle, die ich habe, und entspricht somit einer Quote von hundert Prozent.

Als mir meine Insuranz, die in dieser Beziehung bestürzend wankelmütige Zürich Versicherung, das letzte empörenderweise nicht mehr ersetzen wollte, kündigte ich sofort lauthals zeternd den Vertrag. Das erleichterte Aufatmen der Zürich, mich endlich los zu sein, wehte behende über die Alpen nordwärts und war noch hier in St. Pauli als linder Windhauch spürbar.

Meine Konsequenz aus diesem unablässigen Geschröpftwerden durch Diebsgesindel ist seit Jahren die, dass ich mir immer billigere Räder anschaffe. Das aktuelle ist ein gefühlt zentnerschwerer Trumm mit Stoßdämpfer und hat mich auf dem Schlachthofflohmarkt verkraftbare 50 Euro gekostet.

Als ich es zum türkischen Händler meines Vertrauens brachte, um es auf ein alltagstaugliches Niveau bringen zu lassen, runzelte er spontan sorgenumwölkt und auch missbilligend die Stirn. „Farrat scheiße“, beschied mir der grundehrliche Mann ohne den geringsten Versuch, seine Einschätzung zu beschönigen. „Immä Propläm.“
 
Ich fühlte mich natürlich ordnungsgemäß schlecht; immerhin hatte ich das Rad nicht bei ihm gekauft wie schon mehrfach in der Vergangenheit. Doch sein Preisniveau startet eben erst bei 250 Euro, und für das nächste Fahrrad, das ich mir im dunkelgrünen St. Pauli klauen lassen möchte, ist das letztlich einfach ein zu hoher Preis.

Unter Protestgemurmel nahm er den Auftrag schließlich an und brachte es auf Vordermann. Ich besorgte mir für den doppelten Fahrradpreis ein Schloss, das angeblich auch einer Flex oder zumindest einem Atomkrieg standhält, und jetzt walze und schaukle (Stoßdämpfer!) ich mit dem zentnerschweren Trumm gar nicht mal so unzufrieden durch Hamburg. In die Wohnung trage ich es natürlich nicht hoch; dafür bräuchte ich Möbelpacker.

Meine Hoffnung, dass ein Fahrraddieb es mustert und denkt „Farrat scheiße, immä Propläm“, ist übrigens grün. Dunkelgrün.


Grafik: Generali




27 Juli 2015

Pareidolie (105–107)

Unter den Blinden ist der Kohlrabi König, wie mir heute bei Edeka dämmerte.
 
Die anderen beiden Entdeckungen verdanke ich dem bereits in der Vergangenheit immer wieder ergiebigen Schlachthofflohmarkt (wobei Baseballmützen von hinten sowieso ein steter Quell der Freude sind, wie man hier und hier gut sehen kann) sowie einem Bus in Trient.
Sie sehen: Ich scheue keine Wege, um Sie mit frischen Fundstücken zu versorgen.









PS: Eine ganze Galerie gibt es – natürlich – bei der Pareidolie-Tante.

20 Juli 2015

Zufälle gibt’s, die gibt’s … doch


Neulich las ich auf einer Nachrichtenwebseite gerade in einem Satz das Wort „Comeback“, während im Hintergrund Coldplay lief – und deren Sänger Chris Martin exakt in dieser Sekunde das Wort „Comeback“ lippensynchron sang. Ich war frappiert bis an den Rand der Esoterik.

Es gibt eben Zufälle, die gibt’s gar nicht, aber wie wir alle schon lange wissen, kommt, wenn man unendlich lange eine Horde Schimpansen auf Schreibmaschinen rumhampeln lässt, halt irgendwann „Faust 1“ dabei raus. Das ist auch kein Zufall, nein: That’s statistics, stupid!

In puncto Zufälle kann ich aber noch ein weiteres Ereignis beisteuern, das sich, wenn ich mich recht erinnere, auch noch am gleichen Abend zutrug wie Chris Martins „Comeback“-Singen bei meinem Lesen des Wortes auf einer Nachrichtenseite. An eben jenem Abend nämlich nahm ich im Bad die Elektrozahnbürste aus der Halterung und stieß dabei versehentlich Ms. Columbos Ring an, der auf der Ablage lag.

Wie in Zeitlupe sah ich das unschätzbar wertvolle Stück ins Waschbecken fallen und dort das metallisch tuende, aber federleichte Plastiksieb, welches bis dahin ohne Fehl und Tadel den Abfluss bewacht hatte, sanft anstupsen und beiseitestoßen, woraufhin der Ring umstandslos im Abfluss verschwand.

Man mag sich meinen Schrecken ob dieses ebenso unwahrscheinlichen wie doch soeben eingetretenen Ereignisverlaufs vorstellen. Ich war wie erstarrt, vermochte aber noch ein halbersticktes „Oh nein!“ hervorzupressen, was Ms. Columbo auf den Plan rief.

Im Hinausstürzen – „Ich brauche eine Rohrzange!“ – und wieder Herbeieilen hechelte ich ihr die unglaubwürdige Geschiche vor, und schon hatte ich den Haupthahn abgedreht, das Siphon abgeschraubt und panisch nach dem Ring gefischt.

Natürlich fand er sich in der exakt dafür eingebauten Rohrbiegung, und mit zitternden Fingern legte ich ihn Ms. Columbo in die zarte Hand. Aber es war gar nicht – wie von mir die ganze Zeit befürchtet – der ideell unersetzliche Ehering, sondern irgendein schmuckes Modeschmuckteil aus Kunststoff. Was plötzlich ihre Gelassenheit recht plausibel erklärte.

Am Grad meiner Panik hätte das möglicherweise einiges geändert, doch dafür hätte ich erheblich früher davon Kenntnis erlangen müssen.

So viel zur Macht des Zufalls. Chris Martin würde mich verstehen, wenn er diesen Blogeintrag läse. Aber das wiederum ist noch unwahrscheinlicher, als wenn ein Ring sich im Waschbecken den Weg in den Abfluss durch Wegstupsen des Siebs bahnte.

Andererseits: Wenn Martin unendlich viel Zeit damit verbrächte, Blogs zu lesen, stieße er unweigerlich spätestens am Sanktnimmerleinstag auch auf diesen Eintrag, und zwar nicht zu seinem Schaden.


Irgendwie tröstet mich das. 



 

13 Juli 2015

Fundstücke (205)


Kein Wunder, dass man uns hier auf dem Kiez keine Ruhe lässt. 
 
Entdeckt an einer Haustür auf St. Pauli.

27 Juni 2015

Unterm Joch der Bikebanditen


Ja, ja, ich weiß, was Sie jetzt denken. Es liegt ja auch nahe.
Sie denken, die hier abgebildeten Spuren in unserem Hauseingang wären das Ergebnis eines exemplarischen „Gesprächs“, das die Hausgemeinschaft mit einem Teilnehmer der momentan auf St. Pauli tobenden Harley Days geführt hat.

Doch dem ist nicht so. Wir sahen dem Ganzen relativ gelassen entgegen – nämlich mit großem Vertrauen auf die Prognosen von Kachelmann & Co. und damit auf eine meteorologische Lösung des Problems.

Doch wo, Wettergott, bleiben eigentlich die  gestern von allen seriösen Diensten avisierten apokalyptischen Wolkenbrüche, die den hier rauf und runter marodierenden Bikebanditen, Zweitaktzombies, Chromtanktaliban, Bandanablödianen, Chopperschimpansen und Nietenlederlumpen mal ordentlich gezeigt hätten, wo ein rasender Thor die Blitze herholt? Wo?

Zurück zu den Spuren im Hauseingang. Ich kenne ihre Ursache gar nicht. Doch anhand der Verfärbungen im Lauf des Trocknungsprozesses tippe ich Hobbyforensiker weniger auf eine einschlägige Körperflüssigkeit als auf einen leckenden Tetrapak Kirschsaft.


Aber vielleicht kommt im Lauf des Wochenendes ja doch noch etwas hinzu, was dem optisch ähnelt und Ihren spontanen Vermutungen von oben eher entspricht. 


Ich bespreche mich mal eben mit der Hausgemeinschaft.



24 Juni 2015

Billys Bauch und Stevens’ Beitrag


Komme gerade vom Billy-Idol-Konzert im Stadtpark, und es war lustig. Allerdings aus den falschen Gründen. 

Der gute Billy singt nämlich inzwischen mit dem Stimmvolumen eines lungenkranken Wiedehopfs, lenkt davon aber optisch nicht ungeschickt ab mit einem Six Five Four Three Twopack, der für einen Mann meines Alters durchaus vorzeigbar ausfällt. Was Billy übrigens schon ab dem dritten Song ebenfalls findet, aber so was von.

Höhepunkt des Abends nichtsdestotrotz: sein optisch ausgesprochen grotesker Gitarrist Steve Stevens. Der Mann ist ein toller Instrumentalist, unbenommen – aber leider zum Glück hat er sich zurechtgemacht wie die vertikal herausgeforderte Parodie eines Hair-Metal-Heinis, der in Schlaghosen aus Schwarzleder in einen Topf voller Ron Woods gefallen ist. 

Aus all diesen Gründen war das Billy-Idol-Konzert im Stadtpark jedenfalls ziemlich lustig. 
Und vielleicht sogar ja doch aus den richtigen Gründen.


18 Juni 2015

Fundstücke (204)


Keine Ahnung, worauf genau sich die angepriesene volle Funktionsfähigkeit bezieht, aber wäre ich eine Frau, wollte ich das wahrscheinlich auch gar nicht wissen. 
 
Hm … So eigentlich auch nicht.

Entdeckt mitten auf St. Pauli, wo sonst.


08 Juni 2015

Wie werde ich zum Smartphonezombie?


Eine Kurzanleitung in acht Schritten

1. Um ein Smartphonezombie zu werden, brauchen Sie unbedingt ein „Mobile Device“. Zum Beispiel ein iPhone oder ein Tablet, es reicht auch ein gebrauchtes. Mehr ist gar nicht nötig. Alles Weitere liegt ganz allein bei Ihnen – genauer gesagt: aufm Platz.

2. Beginnen Sie Ihre Karriere als Smartphonezombie erst mal zu Hause und im Freundes- und Familienkreis, am besten beim gemeinsamen Essen. Nutzen Sie Ihr Gadget in geselliger Runde, indem sie draufstarren, statt sich an Gesprächen zu beteiligen. Machen Sie mürrisch „Hä?“, wenn Sie angesprochen werden, natürlich ohne aufzuschauen. Vor allem, wenn Sie zur Adipositas neigen, ist ein Dasein als Smartphonezombie bei der Essensaufnahme geradezu ein Segen: Denn jeder Tweet, den Sie tippen, jeder Facebook-Kommentar, den Sie hinterlassen, hält Sie nun mal von der Kalorienaufnahme ab. Smartphonezombies sind nachgewiesenermaßen um 30 Prozent schlanker als der Bevölkerungsdurchschnitt. Denken Sie mal darüber nach!

3. Treten Sie in die zweite Entwicklungsphase ein und nutzen Sie ihr Gadget in der Öffentlichkeit, am besten in Großstädten und – das ist das Wichtigste überhaupt! – während Sie sich fortbewegen. Zu Fuß ist gut für Anfänger, zu Rad für Fortgeschrittene und am Steuer eines Autos auf der sechsspurigen, von Dauerbaustellen zerschredderten Bundesautobahn meisterlich.

4. Wo immer Sie auch sind, was immer Sie auch tun, wer immer zugegen ist: Konzentrieren Sie sich ganz und gar auf ihren kleinen Screen, starren Sie drauf, ignorieren Sie komplett Ihre Umwelt. Aber: Bleiben Sie niemals stehen, bremsen Sie nicht, bewegen Sie sich weiter, immer weiter – das ist der entscheidende Punkt! Karriolen Sie also irre durch die Stadt, taumeln Sie passantengefährdend über den Bürgersteig, eiern Sie raumgreifend über Radwege, befahren Sie jede beliebig

5. Zucken Sie nur kurz zusammen, wenn Sie mit jemand zusammenkrachen, aber überlassen Sie es dem Unhold, sich zu entschuldigen. Schließlich ist er der Blöde; er hat Sie ja gesehen und Sie ihn nicht. Das ist nämlich das Tolle, wenn Sie sich als Smartphonezombie etabliert haben: Sie sind damit die komplette Verantwortung für die Folgen Ihrer öffentlichen Anwesenheit los. Im Kleingedruckten der AGB Ihrer Gadgethersteller ist genau geregelt, dass Sie mit der Nutzung der Geräte die Verantwortung für alle Folgen kollektiv an jene übertragen, die solche Geräte noch nicht in der vorgesehenen Weise nutzen. Diese retardierten Hinterwäldler sind jetzt für Sie mitverantwortlich, wie eine Art Vormund – und zwar so lange, bis sie selbst zu Smartphonezombies geworden sind. Aber mal ehrlich: Wer das bis jetzt noch nicht geschafft hat, wird es wahrscheinlich nie mehr schaffen. Im Gegensatz zu Ihnen.

6. Verfluchen Sie ruhig innerlich den Laternenmast, der nicht ausgewichen ist, obwohl Sie gesenkten Kopfes einhermäanderten, doch lassen Sie sich von der blutenden Beule an Ihrer Stirn nicht von Ihrem neuen Lebensentwurf abhalten. Sonst werden Sie niemals ein Smartphonezombie von Weltklasse, und das kann keiner wollen.


7. Hauchen Sie auf der Trage im Rettungswagen mit letztem Atem: „Wo ist mein iPhone? Geht es ihm gut?“ Und wenn der Notarzt wortlos den Kopf schüttelt, dürfen Sie loslassen. Zu überleben hätte jetzt eh keinen Sinn mehr.

8. Sorgen Sie aber vorher unbedingt noch für einen riesigen Vorrat an aufgeladenen Lithium-Ionen-Akkus an einem geheimen Ort, den nur Sie kennen. Denn die Smartphonezombieapokalypse wird kommen, das ist so sicher wie das iPhone 7. Und dann werden Sie ganz vorne dabei sein.

Wir „sehen“ uns.

Foto: Apple




 

30 Mai 2015

Fundstücke (203)


Außergewöhnlich sinnvolle Selfiestickvariante – entdeckt an einer Hauswand in der Großen Freiheit, St. Pauli.

19 Mai 2015

Die gemütlichsten Ecken von St. Pauli (96)



Eichhörnchen in Planten un Blomen.

Der kleine Kerl hat neben Nüssen allem Anschein nach auch eine professionell gedrehte Tüte stibitzt (rechts unten). 
Auf St. Pauli sind eben auch die Eichhörnchen clever.

13 Mai 2015

Aller schlechten Dinge sind sieben

Fahrraddiebstahl Nummer sieben. Statistisch etwas verfrüht, denn ich hatte das Rad erst seit 18 Monaten, und im Schnitt wird es mir immer erst nach ungefähr zweieinhalb Jahren entwendet.

Als ich heute Morgen meine geliebte Gazelle vom Laternenmast losschnallen wollte, fand ich jedenfalls nur noch das durchschnittene Kettenschloss vor. Achtlos war es auf dem Gehweg zurückgelassen worden.

So weit, so üblich, doch etwas war anders, etwas Irritierendes: Auch der Fahrradständer lag dort, mit einem sauberen Schnitt durchtrennt. Warum schneidet jemand, der ein Rad stiehlt, den Ständer ab und legt ihn neben das Schloss? Was möchte mir der Dieb damit sagen? Ist das so etwas wie eine Kastrationsfantasie? Oder gar -androhung?

Das steht ernsthaft zu befürchten. Wahrscheinlich muss ich umziehen, um diesem Schicksal zu entgehen. Denn was bitte soll man ausgerechnet in St. Pauli anfangen ohne Ständer?

Wer das abgebildete Fahrrad irgendwo herumstehen sieht, und sei es in Polen oder Portugal: bitte melden. 

05 Mai 2015

Nürnberg und die Folgen

Durchaus mit vorwurfsvollem Unterton informierte ich gestern den Franken darüber, dass ich nach nur drei Tagen Aufenthalt im fränkischen Nürnberg ein ganzes Kilo mehr auf die Waage bringe.

„Wahrscheinlich warst du einfach noch nicht aufm Klo“, versucht er sich und seine Ethnie zu rechtfertigen. „Also bitte“, antworte ich, „über solche Werte informiere ich immer nur inflationsbereinigt.“

Nein, meine Theorie geht eher von einer spezifisch fränkischen Kalorienausstattung sämtlicher oral zuführbarer Dinge aus. Nehmen wir die Kässpätzle, welche ich arglos in einem Restaurant namens Nürnberger Alm orderte: Nicht nur handelte es sich dabei um einen schier monströsen Berg Kulinarik, der mir beinah die Sicht auf Ms. Columbo versperrte, auch die verschwenderische Üppigkeit, mit der die unschuldigen Nudeln käsekontaminiert waren, ließ mich vor Schreck erst mal am Alm-Schwarzen nippen.

Apropos Alm-Schwarzes: Bier serviert man drunten an der Pegnitz generell in Mindestgrößen, die hier in Hamburg bereits das obere Ende der Fahnenstange bilden. Und wagte es ein Schankwirt, dem Gast Frankenwein in einer Abgabemenge von lediglich 200 Milliliter (-> das Wort sieht übrigens recht lustig aus) zu offerieren, so bewürfe der ihn umstandslos mit Bocksbeuteln.

Nein, ein Viertele muss es generell sein, und die gewöhnlich ausschankdiensthabende Fränkin würde den Teufel tun und trotz alledem den Eichstrich nicht deutlich überschreiten. Alles hier in Nürnberg nämlich ist voller, dicker, breiter, höher, gehäufter als in hanseatischen Breiten – nur am Ende sympathischerweise die Rechnung nicht.

Unter diesen Umweltbedingungen wäre es kaum verwunderlich, wenn das hier seine Tage und Jahre fristende Frankenvolk kurzatmig, teigig und adipös durch die Stadt walzte, kaum mehr fähig, die Kaiserburg zu ersteigen, weshalb es sich lieber in Lokalen wie der Nürnberger Alm ächzend hinter die Holzbänke zwängen und erst mal eine Portion Kässspätzle vertilgen müsste, was das Ersteigen der Kaiserburg erst recht in eine ungewisse Zukunft vertagte.

Doch so voluminös wie vermutet greift der Nürnberger Franke gar nicht Raum. Natürlich: Eine gewisse Stämmigkeit, ein pralles Ausfüllen der durchweg geschmacklosen Kleidung ist in der Altstadt, die hauptsächlich Gegenstand unserer Feldforschungen war, keineswegs zu leugnen. Am anatomischen Extremismus mancher US-amerikanischen Vorbilder indes orientiert sich der durchschnittliche Frankenkörper noch immer nur eher vage.

Wie also vermeidet er es, binnen drei Tagen ein Kilo zuzulegen, im Jahr also ungefähr hundert? Ich weiß es nicht, und der Hamburger Franke („Wie: Ihr habt nicht mal Nürnberger Rostbratwürste gegessen? Ihr Vegetarier!“) erst recht nicht.

Die gewisse Bequemlichkeit der Bevölkerung hinsichtlich aller Bewegungsabläufe manifestiert sich übrigens auch in den Graffiti, wie das Bild oben beweist. Statt selbst etwas irgendwohin zu pinseln, streicht der pfiffige Nürnberger lieber (hinter)sinnigerweise etwas weg.

Herauskommt Sozialkritik auf Fränkisch. Und danach erst mal ein Berg Kässpätzle. Oder ein paar Rostbratwürste im Weckla.





29 April 2015

Sie lässt mich einfach nicht ran


Fitnessstudio am Rödingsmarkt. Die Dame am Rückengerät, wo ich gerne meine nächsten Übungen durchführen würde, macht schon seit mehreren Minuten keinerlei Anstalten, ihren Platz zu räumen, obwohl sie ihn nur noch zum Ausruhen nutzt. Und zum Simsen.

Ich überbrücke das Warten mit Dehnen in ihrem Sichtfeld und trage eine düster umwölkte Stirn zur Schau, welche von der Rückengerätblockiererin eigentlich als sanftes Drängeln gedeutet werden müsste. Indes vergebens. Die Dame bleibt sitzen.

Nach weiteren drei bis vier zähen Minuten – inzwischen bin ich gedehnt bis zum Ohrläppchen – reicht es mir. Ich gehe hinüber – und stutze kurz vorm Erreichen des Showdownareals. Mir ist nämlich auf einmal nicht mehr ganz klar, mit welchen wohlgesetzten Worten ich ihr mein Anliegen denn nun eigentlich verklickern soll.

„Können Sie mich kurz ranlassen?“ klingt irgendwie deutlich verfänglicher, als es gemeint ist. „Darf ich mal dazwischen?“ hat einen geradezu obszönen Beiklang. Und ein „Lassen Sie mich mal ans Gerät?“ schließt angesichts ihrer Oberweitenausstattung einen unfreiwilligen Nebensinn zumindest nicht vollends aus.

Das Problem ist verzwickt. Ja, es erscheint mir sogar in dieser durchgegenderten Welt voller Sprech- und Tretminen hier und jetzt nicht ohne weiteres lösbar.

Aber die Brustpresse ist ja auch ein nützliches Gerät, und nach dem Fotografieren des wunderhübsch zerfurchten Balancekissens geht zum Glück auch schon der Bauchkurs los.


20 April 2015

Pareidolie (104)


Meine Wolfsburger Lieblingsnichte Judith (9) führte mich am Wochenende zu einer Pareidolie, die sie an einem Bretterzaun entdeckt hatte – und die ehrlich gesagt alles schlägt, was diesbezüglich bisher hier im Blog veröffentlicht worden ist. 

Hiermit ernenne ich sie demzufolge zu meiner offiziellen Pareidoliebeauftragten für ganz Niedersachsen. Zumal sie die Vokabel „Pareidolie“ bereits in ihren aktiven Wortschatz überführt hat.

Damit hat sie ihren Lehrern mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas voraus.

17 April 2015

Die Brötchenbetatscherin


Kiezbäcker, morgens um 9. Hinter mir die Schlange ist genervt, denn ich bin ein wenig eigen.

Sie möge doch bitte die Brötchen nicht mit den ungeschützten Händen anfassen, mahne ich die Verkäuferin, das fände ich unhygienisch. Habe sie doch gar nicht, protestiert sie. Doch, widerspreche ich, mit eigenen Augen hätte ich es gesehen – und nur deshalb überhaupt die Notwendigkeit zur Intervention verspürt und sodann auch umgesetzt.

Dann solle ich bloß nicht in die Backstube schauen, verteidigt sie sich verschnupft, denn dort wühle man unablässig tagein, tagaus mit bloßen Händen im Teig. Mag sein, kontere ich, doch hätten die fraglichen Hände wohl kaum vor ihrer Teigwühlarbeit unzählige klebrige Biotopenbesiedlungsgebiete namens Euroscheine angefasst und direkt danach dann distanzlos verzehrfertige Brötchen eingetütet.

Es geht hin und her zwischen mir und der Verkäuferin, und plötzlich sagt der Mensch hinter mir in der Schlange, Typ fusselbärtiger Mittzwanzigerhipster aus dem Schanzenviertel: „Ich nehme die Brötchen. Die können Sie ruhig anfassen. Mir macht das nichts.“

So, meine Damen und Herren, kann ich nicht arbeiten.

Statt mir im Dienst des Überlebens der Menschheit hygienetechnisch den Rücken zu stärken, riskiert der Schanzenfusselbart eine Erhöhung der durchschnittlichen deutschen Mortalitätsrate, nur um cooler zu wirken als ich.

Der Typ will mich eindeutig als Spießer dastehen lassen, und das gelingt ihm auch, zumindest in den Augen der genervten Schlange und der innerlich augenrollenden Kiezbäckerverkäuferin.

Doch wie auch immer: Da muss man durch als geistiger Bruder Jerry Seinfelds. Und am Ende kriege ich meine etepetete mit der Zange herausgeklaubten unkontaminierten Brötchen und sehe ihn, den Hipster, vorm geistigen Auge auf dem Sterbebett pickelgesichtig Blut husten.

Zu Hause stärkt mir Ms. Columbo, die eins der Brötchen immerhin inkorporieren muss, argumentativ den Rücken. Und alles andere ist auch völlig unwichtig, dass das mal klar ist.


PS: Das Foto zeigt in Ermangelung einer treffsichereren Illustration nicht die Fassade des Kiezbäckers, sondern irgendeines Standesgenossen aus Eppendorf.


 

 

01 April 2015

Ein langer Weg nach Hause


Seinen Gangnachbarn im Bus kann man sich leider nicht aussuchen.

Mir wies das sich ins Fäustchen prustende Schicksal ein kugelförmiges Exemplar männlichen Zuschnitts zu, welches mir die Fahrt über die Alpen mit allerlei Eigenheiten bereichern sollte. Und ich meine damit nicht nur den Anblick seines Wolf-Biermann-artigen Schnauzers.

Denn der ungefähr 60-jährige Mann neigte auch noch …

a) … zum baldigen Öffnen seiner Cargohose, da sie im Sitzen anscheinend den raumgreifenden Freiheitsdrang seines Kugelbauches auf quälende Weise einhegte

b) … zu olfaktorisch fragwürdiger Sockenlosigkeit, was er alsbald durchs Entledigen seiner Schuhe und der Präsentation von jedweder Pediküre unbehelligter nackter Fleischklumpen mit gelbbraunen Nägel vornedran gerichtsfest unter Beweis stellte

c) … zu einem röchelartigen Schnarchschlaf, dessen tieffrequentes Chrrrr sich durch meine Ohrhörer fräste wie der Tunnelbohrer Bärlinde durch den Hauptstadtuntergrund

d) … zu einem periodischen schleimsatten Husten mit ergiebigem Auswurf, den er sich dann ächzend von Kinn und Hals wischte.

Nach einer Raststättenpause kehrte ich vor ihm zurück und sah, was auf seinem Sitz lag: ein etwa halber Meter langer metallener Schuhlöffel, dessen Biografie ich mir lieber nicht ausmalen möchte. Gerade als ich dieses … Ding … fotografieren wollte, kam der Mann angewackelt, und ich verriss nervös die Kamera. Das Ergebnis sehen Sie oben.
Bestimmt habe ich noch gar nicht erwähnt, dass die Busfahrt zwölf Stunden dauerte. Oder dass ich jede Sekunde davon persönlich kenne.


 
 

28 März 2015

Danke für nichts, Rabat!



Jene steinernen Häuser, welche das Gassengewirr der Kasbah von Rabat bilden, sind oben weiß und am Sockel blau getüncht. Und dieses Blau protzt mit einem derartig saftigvollen Leuchten, dass der Himmel über der Stadt unablässig die Konkurrenz verfluchen dürfte.

Mitten im Gewirr der Treppchen, Plätzchen und Schlängelgänge plötzlich etwas Lebensnotwendiges: eine öffentliche Toilette. Sie wird bewacht von einem jungen Mann, der den Zutritt restriktiv regelt und für die Vielzahl der Aufgaben, die der Betrieb einer öffentlichen Toilette mitten in der Rabater Kasbah naturgemäß mit sich bringt, einen Obolus erwartet.

Als ich dran bin und endlich eine der beiden geschlechtsübergreifenden Kabinen betreten darf, überkommen mich allerdings schnell Zweifel an seiner Kernkompetenz. Die Toilette ist ein Trümmerhaufen, die Brille ruht separiert von der Keramik arbeitslos in der Ecke, und die Sauberkeitsdefinition des Toilettenburschen scheint zudem nicht unbeträchtlich abzuweichen von meiner. Habe ich schon erwähnt, dass nirgendwo Klopapier zu sehen ist?

Von den beiden Waschbecken vor dieser kaum funktionstüchtigen Toilettenkabine ist nur eins im Betrieb – und das gerade belegt. Eine deutsche Touristin hat sich beim Gang durch die Kasbah von einer der zahlreichen mit Spritzen bewaffneten Hennadamen zur Verzierung ihrer Hände hinreißen lassen und sich anschließend durch unbedachte Bewegungen Jacke, Hemd und Hose beschmiert.

Jetzt rubbelt sie das Zeug wütend wieder ab, doch Henna ist, wenn es erst einmal Hautkontakt aufgenommen hat, recht hartnäckig. Dort, wo die Frau die gröbsten Schlieren abgewaschen hat, sehen ihre Hände aus, als wäre beim Nachspielen von „50 Shades of Grey“ etwas schrecklich schiefgegangen.

„Na das war wohl eine Fehlinvestition“, versuche ich Trost und Mitgefühl zu simulieren. Sie grummelt irgendwas und schubbert verbissen weiter. Das einzige funktionsfähige Waschbecken der öffentlichen Toilette der Rabater Kasbah bleibt also dank der Hennahennen erst mal unzugänglich. Derweil lehnt der Kloboy vorn am Eingang weiterhin gelangweilt am Rahmen und gewährt dem Nächsten Zugang, sobald jemand mit entsetztem Gesicht aus der Kabine taumelt.

Trotz alledem will der Bursche natürlich Geld – für nichts. Nach der Zusammenlegung unserer beiden Länder (s. Blogeintrag von gestern) muss das Toilettenaufsichtswesen in den Südprovinzen dringend neu geregelt werden. Klar, man sollte dort auch Arbeitslosengeld und so was einführen. 
Aber bitte erst danach.